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Raiffeisen - Polbank-Übernahme zu fairem Preis, aber kein Schnäppchen

"Ein wichtiger Beweggrund für die ­Entscheidung war das Land selbst. Es ist Polen, in das wir investieren," erklärt ­Herbert Stepic (rechts im Bild), CEO der Raiffeisen Bank International, die Akquisition der Polbank.

Polen ist nicht nur die grösste Volkswirtschaft Zentraleuropas, sondern auch der einzige europäische Staat, der eine ­Rezession vermeiden konnte. Das Wachstum bei Krediten und Einlagen übertraf ­jenes des BIP in den letzten Jahren regelmässig, und die Marktdurchdringung ist nach wie vor niedrig. "Ein gutes Umfeld für Banken," meint den auch Stepic, zudem Raiffeisen durch den Polbank-Erwerb die Marktposition deutlich ausbauen kann. Lag der Raiffeisen-Fokus in Polen bislang am Corporate Banking und die Bank bei Krediten und Kundeneinlagen auf Rang 11, so wird man mit dem Filialnetz der Polbank (334 Geschäftsstellen) nun zum breit aufgesetzten Universalbank-Anbieter, der bei den Krediten auf Rang 4 und bei den Einlagen auf Rang 8 vorrückt.

Raiffeisen erspare sich dadurch Investitionen in den eigenen Filialaufbau, so ­Stepic. Dennoch hat die Polbank-Akquisition natürlich ihren Preis - der zum abgeleiteten Preis/Buch-Multiple von 1,7 vom Markt als fair betrachtet wird. Darauf lässt auch der Kursgewinn der RBI-Aktie am Freitag schliessen.

Ein Schnäppchen ist der Kauf aber auch nicht, so der Tenor von Analysten (siehe unten). Das Kurs-Buchwert-Multiple von 1,7 liege zwar unter zuletzt abgewickelten Deals in CEE (Sandander zahlt für die polnische BZ WBK etwa 2,5x Buchwert) und unter dem Durchschnitt von rund 2x für den polnischen Bankensektor. Dieser weist allerdings auch hohe ROEs aus, während die Polbank seit der Gründung in der Verlustzone steckt und mit einem hohen Fremd­währungsanteil bei den Aus­leihungen auch ein erhöhtes Risikoprofil ausweist. Normalisieren sich allerdings die Risikokosten, dürfte der Break-even in Griffweite sein, meinen Analysten.

RBI zahlt per Closing des Deals, das für Ende 2011 bzw. Anfang 2012 erwartet wird, für 70% an der Polbank 490 Mio. Euro. Für die restlichen 30% erhält der Verkäufer, die griechische EFG Bank, eine 13%-Beteiligung an der neu fusio­nierten Bank aus Polbank und der Raiffeisen Bank Polska. Für diesen Anteil haben die Griechen eine Put-Option und können je­derzeit mindestens 175 Mio. Euro verlangen. RBI hat ab 31. März 2016 eine Call-Option.

Auf Basis des Mindestpreises würde RBI eine Komplettübernahme der Polbank mindestens 665 Mio. Euro kosten. Der jeweilige Ausübungspreis hängt allerdings vom Geschäftserfolg ab und resultiert in einem Preis/Buch-Multiple in der Bandbreite von 1,0 bis 2,65. Sprich, die Totalübernahme könnte auch mehr kosten.

So schätzt etwa UBS-Analyst Daniele Brupbacher in einer ersten Überschlagsrech­nung, dass die 175 Mio. Euro einem ROE der neuen Bank von rund 10% im Jahr 2016 entsprechen. In einem bul­lishe­ren Szenario - etwa bei einem ROE von 20% im Jahr 2016 - könnte der Kaufpreis für die verbleibenden 13% auch in Richtung 500 Mio. Euro wandern.

Die Polbank hat einen hohen Anteil an CHF-Krediten in ihrem Hypothekar­port­folio (76% von insgesamt 3,4 Mrd. Euro), laut RBI-CFO Martin Grüll sind die Wertberichtigungen aufgrund strenger regulatorischer Vorgaben (z. B. niedrigeres Verhält­nis Schuldendienst/Einkommen) und selektiver Vergabekriterien aber relativ gering. In der Neuvergabe komme es zudem zu einer signifikanten Verlagerung zu Kredi­ten in Euro und Zloty.

An Synergien sind rund 60 Mio. Euro p. a. geplant, die aber erst ab 2013 voll greifen. 2012 sind Sy­­-ner­gien von 30 Mio. Euro angestrebt.

Das RBI-Management bezeichnet die Kapitalausstattung als "weiterhin komfortabel". (Kernkapitalquote inkl. Gewinn und exkl. angefallener Dividenden sinkt um 0,6 Prozentpunkte auf 9,1%.) Eine Kapitalaufstockung sei "in nächster Zeit" nicht geplant. Einige Analysten sehen allerdings eine gestiegene Wahrscheinlichkeit für einen Kapitalschritt 2011 oder 2012.

Was weitere mögliche Zukäufe anbelangt, übt sich CEO Stepic eher in Enthaltsamkeit. Raiffeisen habe jene geografische Präsenz erreicht, die man wollte. Derzeit gebe es keine weiteren Akquisi­tionsziele. (bs)


Aus dem Börse Express PDF vom 4. Februar 2011

Relevante Links: Raiffeisen Bank International AG